28. November 2016

Die Bauern und das Wasser!

Herr Wenge von der FAZ hat uns besucht, hier nun der Artikel
Die Bauern und das Wasser

In einem Brunnen in Südhessen werden seit Jahren zu hohe Nitratwerte gemessen, obwohl dagegen scheinbar alles getan wird. Eine Nachfrage.

Nährstoff und Nitratquelle: Bauer bringt Gülle aus

Auf den ersten Blick sind die Bedingungen, um Trinkwasser zu gewinnen, ideal. Der Brunnen des Gruppenwasserwerks Dieburg liegt neben einem Bachlauf, den man vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Der Acker hinter dem kleinen Wasserhaus am Hang ist grün, Senfpflanzen wachsen dort. Das einzige größere Gewerbe in der Nähe ist ein Käsegroßhandel. Trotzdem darf niemand das Wasser aus diesem Brunnen in Habitzheim, einem Ortsteil von Otzberg, trinken, zumindest nicht pur. Denn seit mehr als 25 Jahren werden darin Nitratwerte gemessen, die erheblich über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 50 Milligramm je Liter liegen. Das zu ändern, bemüht sich seit mittlerweile auch schon 20 Jahren eine Kooperative, die als Modellprojekt gilt. Die Erklärungen dafür, dass sie bis heute scheitert, sind unterschiedlich.


Jörn Wenge
Autor: Jörn Wenge, Volontär.
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Nitrate sind wasserlösliche Salze, die im Boden vorkommen, auch in den Ausscheidungen von Tieren. Viele Pflanzen brauchen eine gewisse Menge des in Nitrat gebundenen Stickstoffs, um zu wachsen, in der Landwirtschaft lässt sich damit düngen. Im Boden, aber auch im menschlichen Körper kann Nitrat durch Darmbakterien zu Nitrit und im Magen kann es zu Nitrosaminen umgewandelt werden. Säuglinge können durch ein Zuviel an Nitrat vergiftet werden, der Stoff gilt als potentiell krebserregend. Das Wasserwerk in Dieburg mischt Wasser aus Habitzheim mit dem aus anderen Quellen, ehe es an die Haushalte geliefert wird.

Vom Acker ins Grundwasser

Probleme mit zu viel Nitrat im Grundwasser gibt es mehr oder weniger in allen Teilen Deutschlands, vor allem in Gebieten, die durch Ackerbau und Tierhaltung geprägt sind. Denn einen großen Teil des Nitrats, das ins Grundwasser gelangt ist, haben vorher Landwirte mit ihrem Dünger auf die Felder gebracht. Und gelangt mehr Dünger auf den Acker, als Boden und Pflanzen aufnehmen können, sickert das Nitrat bis ins Grundwasser. Die Aufnahmefähigkeit variiert und ist von der Bodenbeschaffenheit, dem Wetter und den angebauten Pflanzen abhängig. In Hessen überschreiten etwa im Ried oder im Rheingau die Werte, die in Brunnen und Quellen gemessen werden, vielerorts den Grenzwert. Vor zwei Wochen erklärte die Europäische Kommission, vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen die Bundesrepublik einzureichen, weil Deutschland nicht konsequent genug gegen die Nitratbelastung vorgehe.

Peter Seeger, ein großer Mann mit kurzem, blondem Haar, ist sich des Problems bewusst. Der 38 Jahre alte Landwirt baut rund um Otzberg auf 350 Hektar Viehfutter, aber auch Raps und Zuckerrüben an. Etwa 20 Prozent seiner Ackerfläche liegen in Wasserschutzgebieten. „Ich kann nicht sagen: ,Der Weizen sieht mickrig aus, da dünge ich noch mal nach‘“, sagt Seeger. „So viel zu düngen, wie die Pflanze verbraucht, ist richtig.“ Gegenüber den Behörden weist er seine Düngermengen nach, die Düngeverordnung schreibt das vor.

Seeger setzt mineralischen Kunstdünger, aber auch Gülle ein. Dieser sogenannte Wirtschaftsdünger wird auf seinem Hof ununterbrochen produziert. In der Hauptsache züchtet Seeger nämlich Schweine. Geht er in den Stall, steigt er in einen sandfarbenen Einteiler und zieht Gummistiefel an. Die 800 Muttersauen, 3000 Ferkel und 2500 Mastschweine stehen auf engmaschigen Plastikgittern. Ihre Ausscheidungen fallen durch das Gitter, fließen ab und werden in großen, kreisrunden Silos aus Beton gelagert. 8000 Kubikmeter Gülle sammeln sich so in einem Jahr an. Was er davon nicht auf seinen Feldern braucht, verkauft Seeger an andere Landwirte. „Viele Betriebe sind froh, wenn sie Gülle bekommen“, sagt er. Der Wirtschaftsdünger habe „viel mehr Mikronährstoffe“ als Mineraldünger. Ein Feld nur mit Letzterem zu tränken sei in etwa so, als nehme ein Mensch seine Nahrung nur in Pillenform zu sich. Hof seit 1955 außerhalb des Dorfs. An seinen fünf Standorten beschäftigt Seeger acht Mitarbeiter. Er ist Bauer, aber auch Agrarunternehmer, und muss sich mit vielen Verordnungen und Vorschriften befassen. Anders als etwa sein Großvater, der den Hof 1955 außerhalb des Dorfs errichtete, weiß Seeger heute auch genau, dass er Nitrat freisetzen würde, wenn er zum Beispiel im Spätsommer nach der Ernte noch einmal den Acker umpflügen und danach keine „Zwischenfrüchte“ anbauen würde. Dass Seeger das weiß, liegt auch an der Arbeit von Angela Homm-Belzer. Die Agraringenieurin hat ihr Büro im Torbogen eines alten Bauernhofs in Otzberg. Sie berät seit 1993 Landwirte, wie sie vermeiden können, dass von ihren Äckern zu viel Nitrat ins Grundwasser gerät. Sie spricht dann von den Zwischenfrüchten, die sich besonders gut dafür eignen, überschüssiges Nitrat nach der Ernte bis zur nächsten Aussaat im Boden zu binden, Hülsenfrüchte gehören zum Beispiel dazu. Solche Zwischenfrüchte werden nicht geerntet, sie sollen im Winter absterben.

Im Jahr 2000 ist das Otzberger Beratungsprojekt, in dem Homm-Belzer arbeitet, als „Arbeitsgemeinschaft Gewässerschutz und Landwirtschaft“ auf Wasserschutzgebiete in der ganzen Region Starkenburg ausgeweitet worden. Seit 2011 beraten die Mitarbeiter außerdem im Auftrag des Landes Hessen in den Kreisen Bergstraße, Odenwald und Darmstadt-Dieburg die Landwirte. In Otzberg fahren jedes Jahr im Herbst Mitarbeiter eines Unternehmens, das Homm-Belzer beauftragt hat, auf die Felder und messen die Nitratwerte im Ackerboden. Sie hätten sich in jüngerer Vergangenheit „sehr gut entwickelt“, sagt die Biologin. Ende des Jahres werden die Werte der Landwirte verglichen und gemeinsam mit ihnen diskutiert. Von den rund 130 Brunnen und Quellen, in deren Einzugsgebiet die Arbeitsgemeinschaft tätig ist, wiesen seit Beratungsbeginn 41 Prozent einen um mindestens vier Milligramm geringeren Nitratwert, die Hälfte zumindest einen stabilen Wert auf, sagt Homm-Belzer. Sie verweist etwa auf eine Quelle in Otzberg-Hering. Dort, am Fuße des Burgbergs, hat sich der Nitratwert, anders als im nur wenige Kilometer entfernten Habitzheim, seit Mitte der neunziger Jahre kontinuierlich verringert, von etwa 45 Milligramm auf unter 30 Milligramm je Liter.

„Bauern tun nicht zu wenig“

Eine Beratung von Bauern auf freiwilliger Basis, wie sie Homm-Belzer praktiziert, sei nicht ausreichend, sagt Hans-Joachim Grommelt, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Wasser beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Er verweist auf einen Bericht des Landesrechnungshofs Hessen vom vergangenen April. Darin heißt es: In Gebieten mit Nitratbelastung „kam es bislang nicht zu einer ausreichenden Reduzierung der landwirtschaftlichen Stickstoffüberschüsse“. Und: „Allein mit freiwilligen Beratungsangeboten wird das Land die Ziele der EU-Richtlinien nicht erreichen.“ Die eingesetzten Landesmittel stünden „in einem deutlichen Missverhältnis zum erreichten Ergebnis“. Das hessische Umweltministerium will die Gewässerschutz-Beratung nun neu ausrichten, laut einem Sprecher sei es aber derzeit noch zu früh, Details mitzuteilen.

Grommelt sagt, dass die Bestimmungen der Düngeverordnung, die gerade novelliert wird, noch deutlicher als im derzeit diskutierten Entwurf verschärft werden sollten. Er fordert etwa, dass Landwirte „flächendeckend“ eine „Hoftorbilanz“ vorlegen sollen. Diese setzt Nährstoffeinträge durch Dünger und Nährstoffproduktion in Form von Tieren oder landwirtschaftlichen Erzeugnissen je Betrieb ins Verhältnis. Auch mehr Biohöfe und ein geringerer Viehbestand „wären eine große Hilfe“, sagt Grommelt.

Landwirt Seeger dagegen hat nicht den Eindruck, dass die Bauern zu wenig tun, sondern vielmehr den, dass sich die Berichterstattung einseitig auf sie konzentriert. Die Landwirtschaft sei beim Thema Nitratbelastung „fast das Einzige, was man regulieren kann“, sagt Seeger, „aber nicht das Einzige, was schuld ist“.

Die Situation in Habitzheim ist für Seeger ein Beweis dafür, dass er richtig liegt. Dort nämlich sind die Nitratwerte in den vergangenen zehn Jahren sogar um mehrere Milligramm gestiegen, obwohl 50 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Wasserschutzgebiet von einem Biohof bewirtschaftet werden, und im Bio-Landbau gelten besonders strenge Düngevorschriften.

Wie nun kommt also in Habitzheim das viele Nitrat ins Grundwasser? Wolfram Wittwer, Technischer Betriebsleiter des Gruppenwasserwerks Dieburg, sagt, eine noch laufende Untersuchung habe schon ergeben, dass unterhalb des vom Brunnen angezapften Grundwasserstroms noch ein weiterer, größerer liege. Dieser sei noch höher belastet und weise 130 Milligramm Nitrat je Liter auf. Wittwer vermutet, dass die beiden Wasserströme miteinander verbunden sind. Dann würde sich das Brunnenwasser in Habitzheim aus einem deutlich größeren Einzugsgebiet mit womöglich deutlich älteren Wasservorkommen speisen als bisher vermutet. Was das heißen würde und was zugleich die derzeitigen Bemühungen um die Senkung der Nitratbelastung durch die Bauern bewirken, beschreibt er so: „Heute fördern wir das Wasser, das vor 20 bis 40 Jahren von der Landwirtschaft beeinflusst wurde.“ Den Erfolg dessen, was heute getan werde, „können wir dann auch erst in 20 bis 40 Jahren sehen“.

Quelle: F.A.S.

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